Gebrauchte Waren zu günstigen Preisen – Geflüchtete lernen Verkauf und Buchhaltung

Die Helfer beim Einrichten des Kaufhauses: Abullrazeq Qadiri, Amir Alamir, Frauke Frahm, Lena Geisel, Shamudin Mousavi, Volker Gassenferth (von links) und Abdullah Ansari (vorne sitzend). Foto: Kathrin Miedniak

Die Helfer beim Einrichten des Kaufhauses: Abullrazeq Qadiri, Amir Alamir, Frauke Frahm, Lena Geisel, Shamudin Mousavi, Volker Gassenferth (von links) und Abdullah Ansari (vorne sitzend).
Foto: Kathrin Miedniak

Viernheim (Kathrin Miedniak) – Die Idee gab es schon lange: ein soziales Kaufhaus, in dem gebrauchte Waren günstig an Menschen in Not verkauft werden. „Nur irgendwie wurde das nie verwirklicht“, sagt Lena Geisel. Bis die Kölnerin und ihre Berliner Kollegin Frauke Frahm nach Viernheim kamen.

Die beiden 31- und 28-Jährigen geben seit September 2014 im Auftrag der Organisation „Teach First Deutschland“ Deutschkurse für Geflüchtete, die keinen Platz in einem Integrationskurs bekommen haben. „Unsere Schüler konnten anfangs kein Wort in Deutsch sagen. Aber alle wollten eines: arbeiten“, erzählt Geisel. Als sie und Frahm von der Idee mit dem sozialen Kaufhaus hörten, waren sie sofort Feuer und Flamme: Wie wäre es, wenn Geflüchtete dieses Kaufhaus betreiben würden?

Ein Jahr lang tüftelten die beiden Frauen an dem Projekt. „Stunden über Stunden haben wir über die Details gesprochen“, erzählt Geisel. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde St. Himi nahm die Idee schließlich Gestalt an. Geisel und Frahm bewarben sich mit dem Projekt bei dem bundesweiten Wettbewerb „start social“, bei dem bereits die Initiative „Ich bin ein Viernheimer“ einen Preis gewann. Ob auch das Kaufhaus ausgezeichnet wird, ist noch unklar. Aber Frahm und Geisel gewannen im ersten Schritt des Wettbewerbs schon einmal die Hilfe zweier Berater, die unter anderem dabei halfen, dem Projekt einen Namen zu geben: „Laden mit Herz – Weitergeben statt Wegwerfen“.

Im Sozialzentrum fand sich ein 90 Quadratmeter großer Raum, der erst grundrenoviert und dann gemeinsam mit Geflüchteten gestrichen und mit selbst gebauten Regalen eingerichtet wurde. „Unsere Deutschschüler haben schon jetzt unwahrscheinlich viele Arbeitsstunden in das Projekt gesteckt“, sagt Frahm. Alles im Ehrenamt – und mit großer Begeisterung. „Die Geflüchteten sind sehr interessiert an dem Projekt“, erzählt Amir Alamir. Der 54-Jährige ist aus Syrien geflohen. Seit Anfang Dezember hat er gemeinsam mit dem Viernheimer Volker Gassenferth die Leitung des „Ladens mit Herz“ übernommen. Denn die beiden Initiatorinnen Geisel und Frahm werden nur noch bis zum Sommer nächsten Jahres in Viernheim sein. Alamir weiß genau, wie sich die anderen Geflüchteten fühlen. „Im Moment stecken wir irgendwie fest. Alle suchen einen Job und hoffen, dass sie sich durch die Arbeit im Laden schneller integrieren können“, sagt er. Genau das ist auch das Ziel von Geisel und Frahm. Oder besser: eines von mehreren Zielen.

„Wir wollen auch Nachhaltigkeit fördern, also erreichen, dass gute Waren nicht weggeworfen, sondern noch einmal verwendet werden“, erklärt Geisel. Verkauft werden Waren wie gebrauchte Haushaltsartikel, Spielsachen, Werkzeug oder Musikinstrumente ab der Eröffnung am 27. Januar 2016 immer dienstags von 13 bis 16 Uhr und freitags von 11.30 bis 14 Uhr zu günstigen Preisen.

Unterstützt von deutschsprachigen Mentoren sollen 12 Geflüchtete sowohl den Verkauf übernehmen als auch die Warenannahme, Buchhaltung und Verwaltung des Ladens. Auf diese Weise werden sie an das deutsche Arbeitsleben herangeführt, so dass danach der Sprung in den Job leichter fällt. Ganztägige Workshops zu Themen wie EDV, Kommunikation im Verkauf oder Lagerlogistik geben den Laden-Mitarbeitern das nötige Wissen an die Hand. Ein Bewerbungstraining und das Herstellen von Kontakten zu Arbeitgebern in der Region soll außerdem bei der Suche nach einem Job helfen. „Dieses Projekt zeigt den Geflüchteten ein Stück des Alltagslebens in Deutschland“, sagt Alamir begeistert. „Es ist zwar keine offizielle Ausbildung, aber es ist etwas Praktisches. Und man lernt nirgends so gut eine Sprache wie bei der Arbeit!“

Gesucht: Mentoren für den „Laden mit Herz“

Die Waren für den „Laden mit Herz“ stapeln sich bereits im Lager bis an die Decke. Hier herrscht erst mal kein Mangel. „Sobald wir Nachschub brauchen, starten wir einen Aufruf an die Viernheimer“, sagt Lena Geisel. Etwas anderes sucht das Ladenteam dagegen händeringend: Viernheimer, die die Geflüchteten als ehrenamtliche Mentoren bei der Arbeit im Laden begleiten. Gesucht werden Menschen, die Erfahrung in den Bereichen Verkauf, Buchhaltung, EDV und Lagerlogistik haben – und dieses Wissen an die Geflüchteten weitergeben möchten.

„Wir suchen keine perfekten Verkäufer, sondern Menschen, die den Geflüchteten im Laden unterstützend zur Seite stehen“, erklärt Frauke Frahm. „Und Menschen, die bereit sind, sich sprachlichen Herausforderung zu stellen“, ergänzt Geisel. Im Bereich Buchhaltung ist das Team dagegen unbedingt auf die Hilfe eines Profis angewiesen, der Freude daran hat, die Geflüchteten in ein professionelles Buchhaltungssystem am Computer einzuweisen. Gebraucht werden die Mentoren grundsätzlich während der Öffnungszeiten des Ladens sowie einige Stunden davor und danach. Die genauen Einsatzzeiten jedes Mentors können aber individuell abgesprochen werden. Wer Interesse hat, kann sich gerne bei Lena Geisel und Frauke Frahm melden, am besten per E-Mail an: ffrahm@sankt-himi.de oder lgeisel@sankt-himi.de.