Manfred W. Hellmann, Sänger in der Evangelischen Kantorei berichtet über das Wochenende

Foto: Manfred W. Hellmann

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Viernheim / Höchst (Manfred W. Hellmann) – Fast heimelig mutet das Ensemble des 800 Jahre alten ehemaligen Klosters Höchst (Krs. Erbach /Odw.) an, das die 45 Mitglieder der Ev. Kantorei Viernheim – leider nicht alle – am ersten November-Wochenende beherbergte. Hinter den alten Mauern verbirgt sich heute eine moderne Tagungsstätte der Ev. Kirche mit hellen Tagungsräumen, schlichten, aber wohnlichen Zimmern, gemütlichen Kellergewölben für’s abendliche Beisammensein, freundlichem Service und guter Küche. Es hat uns in diesen  zwei Tagen an nichts gefehlt, auch nicht an Zeit für Spaziergänge in waldiger Umgebung. Zum Abschied am Sonntag-Vormittag konnten wir den Gottesdienst in der hübschen Klosterkirche musikalisch mitgestalten.

Der unmittelbare, fast schon drängende Anlass für das Chor-Wochenende waren die bevorstehenden Aufführungen von W. A. Mozarts  unvollendetem „Requiem“ (KV 626) am Samstag, 25. November 2017, 19 Uhr und am Sonntag, 26. November 2017, 17 Uhr, in der Auferstehungskirche Viernheim.

Bei der Arbeit an diesem seinem letzten Werk, das ein damals anonymer Auftraggeber für einen hohen Geldbetrag bei Mozart bestellt hatte, und zwar beim vorletzten Teilstück, dem „Lacrimosa“, nahm ihm der Tod am 5. Dezember 1791 die Feder aus der Hand. Den Rest, insbesondere den Orchestersatz, vervollständigte sein Freund und Sekretär Franz Xaver Süßmayr, wohl unter Verwendung von Notizen und Anweisungen des todkranken Mozart. Nicht alle sind glücklich mit seinen Ergänzungen,  aber das ändert nichts an der Dankbarkeit dafür, dass diese wunderbare Musik uns auf diese Weise überliefert worden ist. Immerhin können Chor und Solisten sicher sein: Diese Noten sind bis zum „Lacrimosa“, also zu mehr als zwei Drittel, gänzlich von Mozart selbst.

Die Wirkung des „Requiem“ auf die Zeitgenossen und Nachfahren war gewaltig. Beethoven – als Komponist selbst ja nicht gerade zimperlich – fand es „zu wild und furchtbar“. Noch Bruckner sah darin „Vorbild und unerreichbares Meisterwerk“. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt, dem wir eine sehr schöne Einspielung verdanken, schreibt im booklet zur CD: „Das Werk geht einfach unter die Haut“.  In diesem Werk – und vielleicht nur in diesem Werk – sind die „persönlichen Wendungen (in Mozarts Leben) in einer derart ergreifenden Art komponiert, dass der Ich-Bezug unüberhörbar ist. … – vielleicht der letzte Grund für die unglaubliche Wirkung diese Werks“.

Der Schreiber dieses Berichts jedenfalls bekennt, dass er sich – wohl auch eingeschüchtert durch solche Einspielungen – diesem Werk mit größtem Respekt genähert hat: „Schaffen wir das?“

Nicht extrem hohe oder tiefe Töne sind das Problem (obwohl sie vorkommen), auch nicht extreme Tempi, sondern die gewaltige Spannweite der musikalischen Mittel, das hohe Maß an Emotionalität und Expressivität mit gleichzeitig hohen Anforderungen an rhythmischer Exaktheit (besonders in den fugischen Teilen), an Dynamik und Tonführung. Man muss dieses Requiem mehr als andere Werke mit kühlem Kopf und dem Herzen zugleich singen.

Es ist ohne Zweifel Mozarts anspruchsvollstes Chorwerk – eine Herausforderung selbst für Profi-Chöre. Und  erst am Ende vieler Stunden  intensiver Probenarbeit waren vermutlich alle Teilnehmer zuversichtlich und in Vorfreude auf’s Gelingen. Dank dafür vor allem unserem Chorleiter Martin Stein und den übrigen Organisatoren dieser für uns kostbaren Chorfreizeit.

Außer Mozarts unvollendetem „Requiem“ steht die Orgelfantasie f-Moll (KV 608) auf dem Programm. Auch dieses Werk stammt aus Mozarts Todesjahr. Bestellt hatte es ein Wiener Musik-Unternehmer, der für die gerade populär gewordenen mechanischen Flötenorgeln Musikstücke benötigte, die auf Blech geprägt und auf Walzen gezogen wurden. Diese Walzen und damit die Orgeln wurden jede Stunde von einem Uhrwerk in Betrieb gesetzt; daher Mozarts Werktitel „Orgelstück für eine Uhr“. Im konkreten Fall war das Stück als „Trauermusik“ gedacht,  als Hintergrundmusik für ein Mausoleum mit der Statue des kürzlich verstorbenen österreichischen Feldmarschalls Laudon. Die Wirkung dieses Musikstücks in diesem Ambiente war beträchtlich und auch finanziell für den Unternehmer (leider keineswegs für Mozart selbst) sehr erfolgreich. Hier rundet dieses strenge, feierliche, oft so gar nicht „mozartische“ Orgelwerk das große „Requiem“ stilgenau ab.