Foto: Martin Bösel für Greenpeace Mannheim-Heidelberg

Foto: Martin Bösel für Greenpeace Mannheim-Heidelberg

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Foto: Martin Bösel für Greenpeace Mannheim-Heidelberg

Foto: Martin Bösel für Greenpeace Mannheim-Heidelberg

Foto: Martin Bösel für Greenpeace Mannheim-Heidelberg

Viernheim (Greenpeace Mannheim-Heidelberg) – „Greenpeace Mannheim-Heidelberg hat den vom FSC-Zertifizierer IMO anlässlich des Sonderaudits am 24. Februar 2017 erstellten Bericht geprüft und sieht erneut gravierende fachliche Mängel sowie eine Reihe widersprüchlicher Aussagen. IMO bestätigt darüber hinaus, dass das Forstamt Lampertheim bis im Januar 2016, also unmittelbar vor der FSC-Zertifizierung, nicht FSC-konform gearbeitet hat und der damals geplante Waldumbau nicht mit den FSC-Standards vereinbar ist. IMO bestätigte lediglich mit Vorbehalt die Einhaltung der FSC-Standards durch das Forstamt Lampertheim. Entgegen der in der Öffentlichkeit insbesondere vom Forstamtsleiter Schepp gemachten Aussagen hat Greenpeace den Termin nicht kurzfristig abgesagt, sondern erfolglos um eine Verschiebung gebeten, da die ehrenamtlich Aktiven bei einer Teilnahme unwägbare haftungsrechtliche und damit finanzielle Risiken eingegangen wären.“

Sehr eingeschränkte Aussagekraft des Audits

„Entgegen des Eindrucks, den Hessen-Forst und IMO erwecken, haben die Ergebnisse des Audits nur eine sehr eingeschränkte Aussagekraft. Sie bestätigen keineswegs eine naturnahe, ökologische Waldbewirtschaftung durch das Forstamt Lampertheim“, sagt Martin Bösel, Wald-Ansprechpartner bei Greenpeace Mannheim-Heidelberg. So steht im Bericht ausdrücklich, dass sich die Begutachtung „ausschließlich auf die Beschwerdepunkte [von Greenpeace]“ bezog. Weiter steht im Bericht, dass „nicht standardkonforme Verfahren, die vor der Zertifizierung erfolgten“, nicht zu „Abweichungen im Sinne des FSC-Standards“ führen. Auch schränkt IMO ein, dass für eine „objektive Beurteilung der Sachverhalte“ die Anwesenheit von Naturschutzvertretern notwendig gewesen wäre. Schlussendlich gibt das Unternehmen in der Zusammenfassung selbst zu, dass „Interpretationsbedarf zum deutschen FSC Standard“ besteht. „Wie Hessen-Forst und IMO angesichts solch gravierender Defizite beim Sonderaudit jetzt von einer erfolgreichen Zertifizierung sprechen können, ist uns rätselhaft“, sagt Bösel.

Belege für Aussagen von Greenpeace

„Dem Forstamt ist es offensichtlich entgangen, dass der Bericht zahlreiche Bestätigungen für die katastrophale Forstwirtschaft bis in die jüngste Vergangenheit enthält. Da das aber alles bis kurz vor der Zertifizierung erfolgte, sind diese Verstöße nach der abstrusen FSC-Logik nicht mehr relevant“, macht Bösel klar. So hat das Forstamt beim Audit bestätigt, dass die von Greenpeace wiederholt kritisierten zu dicht angelegten Rückegassen zum Abtransport des Holzes erst „im zeitigen Frühjahr 2017 bei der Vorbereitung des geplanten Einschlags“ FSC-konform geändert wurden. Auch beim Thema Habitatbäume bestätigt der Bericht, dass Hessen-Forst erst nach der Greenpeace-Kritik ausreichend aktiv wurde. So ist im Bericht mehr als einmal nachzulesen, dass den IMO-Auditoren „mit ‚H‘ markierte Bäume“ auffielen, „die offenbar vorher zum Hieb vorgesehen waren.“ „Ein besonderes Schmankerl ist dabei die Erklärung, die das Forstamt IMO für das ‚H‘-Zeichen auf der bereits gefällten Fledermaus-Eiche lieferte. Laut Forstamt soll dieses H ein ‚Warnzeichen‘ für Selbstwerber sein, allerdings hat uns die Naturschutzbehörde bestätigt, dass der Baum schon vor der illegalen Fällung durch das Forstamt schützenswert war“, wundert sich Bösel. Auch hier unterblieb eine kritische Nachfrage von Seiten IMO.

Auch Auflichtungen in Altbeständen ohne Kahlschlag sind Gift für den Wald

„Angesichts der besonderen Situation im Ried, die ja auch das Forstamt bei jeder Gelegenheit betont, können hier auch kleinere Auflichtungen noch intakte Altbestände massiv schädigen. Wir sind enttäuscht, dass IMO hier so oberflächlich begutachtet“, reagiert Bösel auf die Aussagen von IMO und des Forstamtes zu nicht vorgefundenen „kahlschlagähnlichen Verhältnissen“ im Wald. Im Bericht zum Sonderaudit ist jedoch nachzulesen, dass „die Bestände so lange wie möglich geschlossen bleiben sollen“. Ferner hielt IMO bereits 2016 fest, dass „die Waldentwicklung bzw. Wiederbewaldung durch … das flächige Auftreten der invasiven Spätblühenden Traubenkirsche behindert wird“. „Wenn man weiß, dass das einzige Mittel gegen die Traubenkirsche eine starke Beschattung ist, zeugen die Aussagen des Forstamtes und von IMO zu den starken Auflichtungen der Altbestände nicht gerade von kompetentem Handeln“, erklärt Bösel. Nach Meinung von Greenpeace sollte das Forstamt hier komplett auf die Auflichtung der Bestände verzichten, um den Charakter dieser wertvollen Ökosysteme nicht zu stark zu verändern und ein flächiges Eindringen der Traubenkirsche möglichst lange zu verhindern.

„Neben der mangelnden Berücksichtigung der Auswirkungen des Einschlags vor allem alter und mittelalter Buchen und Eichen kritisiert die Organisation den rein quantitativen Ansatz von IMO.“ „Ein Wald ist mehr als die vorhandene Summe der Festmeter Holz, aber IMO scheint dies hier nicht als Maßstab anzusetzen“, ärgert sich Bösel. Während IMO im Bericht richtigerweise ein „Defizit von mittelalten Beständen in der gesamten Altersklassenverteilung“ feststellt, das es zu „überbrücken“ gilt, werden an anderer Stelle und öffentlich lediglich die geernteten Festmeter Holz bewertet. „Wir sind gespannt auf die Erklärung von IMO und des Forstamtes, wie die Defizite durch die jetzt massenhaft gefällten mittelalten Buchen und Eichen in einigen Jahren und Jahrzehnten im Wald dann ausgeglichen werden sollen“, macht Bösel auf den offensichtlichen Widerspruch aufmerksam.

Fällung der Fledermaus-Eiche wird nicht ausreichend hinterfragt

„Auch bei der Fledermaus-Eiche ist IMO in der Prüfung nicht kritisch genug vorgegangen“, sagt Bösel. Der Fällung dieses Baums widmet sich ein ganzer Abschnitt des Berichts, der zahlreiche Falschaussagen von Hessen-Forst beinhaltet. So lagen angeblich Hessen-Forst die Gutachten zu Alternativen einer Fällung nicht vor, obwohl zahlreiche Zeitungen die Aussagen des Sachverständigen Erwin Rennwald veröffentlichten. Trotz erfolgter Gespräche des Forstamtes mit lokalen Fledermausexperten, die die Bedeutung des Baums für die lokalen Fledermaus-Populationen bestätigten, wird erneut behauptet, dass es durch die Fällung zu „keiner Verschlechterung der Population“ komme. Die nach wie vor widerrechtlich verweigerte Einsicht in das Gutachten des Forstamtes wird ebenfalls nicht thematisiert. Auch der im Stammschnitt heute noch deutlich sichtbare Anteil an ausreichend stabilem Holz fand im Zuge des Audits keine Beachtung. „Angesichts dessen ist es dann auch kein Wunder, wenn sogar FSC-zertifizierte Forstämter nach Bundesnaturschutzgesetz geschützte Bäume einfach fällen können und die Auditoren das Ganze noch als ‚begründet und nachvollziehbar‘ ansehen“, schließt Bösel.

Zertifikat mit Vorbehalt

„IMO schränkt immerhin am Ende des Berichts ein, dass die Zertifizierung „empfohlen wird“, sofern die festgestellten Abweichungen innerhalb der festgelegten Zeitspanne umgesetzt werden“. „Entgegen des Eindrucks, den Hessen-Forst und IMO erwecken, ist damit der Bericht auch nur ein Zwischenstand. Greenpeace und IMO haben am 18. Mai einen weiteren Termin vereinbart, um die Kritikpunkte vor Ort wirklich unabhängig zu prüfen“, stellt Bösel klar. „Wir hoffen, IMO fängt dann endlich an, das Gesamt-Ökosystem zu betrachten anstatt isoliert einzelne Standards zu prüfen. Der TÜV überprüft schließlich auch die Fahrtüchtigkeit des gesamten Autos und nicht nur seiner Einzelteile“, schließt er.