Foto: © Martin Bösel/Greenpeace Mannheim-Heidelberg

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Fotos (2): © Martin Bösel/Greenpeace Mannheim-Heidelberg

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Viernheim (Greenpeace) – Greenpeace Mannheim-Heidelberg kritisiert scharf das Ergebnis des FSC-Sonderaudits, das im Mai diesen Jahres stattfand und dessen Abschlussbericht nun vorliegt. Der Zertifizierer IMO Swiss sieht trotz zahlreicher, gut dokumentierter Verstöße des Forstamtes Lampertheim gegen FSC-Standards keine Grundlage für eine Neubewertung der Siegelvergabe oder Auflagen für das Forstamt. „Selbst Verstöße gegen geltende europäische und nationale Artenschutz-Gesetze werden im Bericht relativiert und ohne Konsequenzen zur Kenntnis genommen. IMO trifft eine Reihe von Annahmen zugunsten von Hessen-Forst, ohne dafür Belege zu fordern oder konkrete Zeiträume zu benennen. Die FSC-Zertifizierung wird deshalb nach Meinung von Greenpeace an der grundsätzlich naturfernen und das Ökosystem beeinträchtigenden Forstwirtschaft im Lampertheimer-Viernheimer Wald nichts ändern.“

Aus Buchen-Hainsimsenwald wird Eichenwald

Ein Hauptstreitpunkt zwischen Greenpeace und Hessen-Forst war der Umgang mit noch weitgehend intakten Buchenwald-Beständen, die auch nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat-(FFH) Richtlinie zu schützen sind. Diese werden, wie im Bericht nachzulesen, vom Forstamt zum Zwecke der Eichenförderung aufgelichtet, obwohl von Natur aus auf diesen Flächen die Buche dominieren würde und es genug naturschutzfachlich weniger kontroverse Bereiche im Wald für die Eichenförderung gibt. Die Auflichtung steht allerdings im eklatanten Widerspruch zur „Königsregel“ bei FSC, nach der „standortgerechte Waldbestände unter Annährung an die Baumarten-zusammensetzung … natürlicher Waldgesellschaften“ Ziel der Forstwirtschaft in FSC-zertifizierten Wäldern sind.

Neben der Änderung der Baumartenzusammensetzung führt diese Forstwirtschaft auch zu einer Änderung des wichtigen Waldinnenklimas. Dies war auf einer Waldlichtung an den sichtbaren Frostschäden an Buchenverjüngung zu sehen, die die Auditoren bestätigten. Sowohl die Umwandlung von Teilen des geschützten Buchenwaldes als auch die Verletzung der „FSC-Königsregel“ blieben für das Forstamt Lampertheim ohne Konsequenzen.

Belege für flächige Befahrung des Waldes werden nicht anerkannt

„Der Abschnitt zu Rückegassen für den Holztransport im Wald ist ein einziges Armutszeugnis für IMO und FSC“, sagt Martin Bösel, Wald-Ansprechpartner bei Greenpeace Mannheim-Heidelberg. „Obwohl laut FSC-Standard ein Abstand von weniger als 40 Metern nur als „fachlich nachvollziehbare“ Ausnahme möglich war, sah die Praxis komplett anders aus“. Laut eines im Bericht zitierten „Richtlinienanhang II“ lässt FSC tatsächlich „zahlreiche Ausnahmen für den 40m-Abstand zu“. Weiter ist nachzulesen: „Zahlreiche deutsche Forstbetriebe haben von dieser … nicht weiter definierten Ausnahme Gebrauch gemacht …“. Diesem Muster folgt IMO auch bei der Beurteilung der Befahrung des Bodens im Viernheimer-Lamperheimer Wald. Frisch übermalte Fahrmarkierungen an Bäumen werden lediglich zur Kenntnis genommen. Obwohl auf Fotos vom Dezember 2016 eindeutig dokumentiert, wurden die Rückegassen im Bericht nur noch „womöglich“ befahren. Zwei Stellen mit fünf bis zehn Meter langen „auffälligen“ Vertiefungen werden einfach als „Schleifspuren von Stämmen“ gewertet. Als Erklärung für Fotos mit im Wald geparkten schweren Forstmaschinen ist nachzulesen, dass hier „nicht auszuschließen“ ist, „dass es sich hier um Holz-lagerplätze“ handelte. Immerhin erteilt IMO am Ende dann doch einen „Hinweis“ an das Forstamt zur „Kontrolle der Befahrung ausschließlich auf Rückegassen“.

10 Habitatbäume nur auf dem Papier – irgendwann

„Das Thema Habitatbäume und Schutz von Tierarten ist ein weiteres trauriges Kapitel“, ärgert sich Bösel. „Während FSC in der Öffentlichkeit mit zehn Habitatbäumen für Fledermaus und Co. wirbt, ist es fraglich, ob diese Anzahl hier jemals erreicht wird“. So ist im Bericht nachzulesen, dass „mittlerweile durchschnittlich 6 Habitatbäume pro ha markiert“ sind, allerdings nur in „Laubholzbeständen älter als 100 Jahre“. In „anderen Gebieten“ beträgt die Anzahl lediglich drei Bäume. Zu diesen Bäumen rechnet IMO dann noch „nicht markierte, aber bereits vorhandene Habitatbäume“ und „Biotopbäume aus Referenzflächen“ hinzu. IMO schlussfolgert daraus, dass „die von FSC geforderte langfristige Anzahl von 10 Biotopbäumen pro Hektar … nicht in Frage gestellt wird“.

„Dass es IMO eigentlich besser weiß, wird in dem Bericht ebenfalls deutlich“, wundert sich Bösel. So weist IMO ausdrücklich darauf hin, dass „das Belassen von … Biotop-bäumen sinnvoll“ wäre. IMO verweist dabei auf das Bundesamt für Naturschutz, das in seinen Handlungsempfehlungen zum Erhalt von Fledermausarten eine Anzahl „von deutlich mehr als 10 Biotopbäumen pro ha“ nennt. Weiterhin schreibt die Firma: „Es ist zu erwarten, dass durch das … weitgehende Belassen von Biotopbäumen der Erhal-tungszustand des Reliktwaldes verbessert …. wird und das Risiko der Schädigung oder des Todes geschützter Arten abnimmt“. „Dass trotzdem am Ende nur ein nichtssagen-der Hinweis an das Forstamt rauskommt, ist mehr als enttäuschend“, bedauert Bösel.

Freispruch erster Klasse bei der illegalen Fällung der Fledermaus-Eiche

Der Abschlussbericht widmet sich auch ausführlich der Frage der Rechtmäßigkeit der Fällung der alten Eiche am Waldrand, die als „Fledermaus-Eiche“ bekannt wurde. IMO ignoriert hier wie schon bei den anderen Punkten komplett die Belege von Greenpeace. Sogar das Schreiben der Unteren Naturschutzbehörde vom September 2016, in dem die Einschätzung von Greenpeace zur Verkehrssicherheit des Baums vollständig übernommen wurde, wurde laut Bericht durch ein Schreiben vom Dezember 2015 (!) revidiert. „Hessen-Forst und IMO sind wohl die einzigen beiden Institutionen, die eine Entscheidung zehn Monate, bevor sie getroffen wird, revidieren können“ wundert sich Bösel. Anstatt das Votum zweier unabhängiger Gutachter zu berücksichtigen, die die Standfestigkeit des Baums bejahten, werden laut IMO „bestehende Zweifel“ durch die Behörden und das zuständige Ministerium „entkräftet“. „Es ist ein Skandal, dass IMO befangenen staatlichen Institutionen, die sich frühzeitig und ohne eigenständige Untersuchung auf eine Fällung des Baums versteift hatten, mehr Glauben schenkt als unabhängigen Fachleuten und Nicht-Regierungsorganisationen “, ärgert sich Bösel.

„,Berücksichtigen‘ ist nicht gleichbedeutend mit ‚übernehmen‘“

Obwohl FSC ausdrücklich das Berücksichtigen von „Empfehlungen … von örtlichen Fachleuten“ vorschreibt, sieht IMO dieses Kriterium durch bloßen „Austausch … offensichtlich nicht unter vollständigem Ausschluss lokaler Stakeholder [lokaler Naturschutzexperten]“ als erfüllt an. Auch die „nicht immer“ erfolgte Beteiligung von „nicht-anerkannten Verbände[n] wie Greenpeace oder Personen ohne Verbandszugehörigkeit“ bei Anpassung von Forstbewirtschaftungsmaßnahmen an die Ansprüche geschützter Tierarten wird im Bericht lediglich erwähnt, nicht jedoch als FSC-Verstoß gewertet. „Wir sind enttäuscht, dass Naturschutzverbände und lokale Experten bei FSC-Zertifizierungen offenbar nur als grünes Feigenblatt dienen sollen und die Entscheidungen weiterhin alleine von der Forstwirtschaft getroffen werden“, schlussfolgert Bösel, „Damit wird FSC zu einem reinen Marketingsiegel mit nur minimalen Verbesserungen für eine naturnahe Waldwirtschaft.“