Deutsch als größte Herausforderung – Eine Aufgabe, zwei Chefs

Die beiden Chefs des Ladens Amir Alamir (links) und Volker Gassenferth (rechts) beim gemeinsamen Ausprobieren der Kasse des Ladens. Foto: hk

Die beiden Chefs des Ladens Amir Alamir (links) und Volker Gassenferth (rechts) beim gemeinsamen Ausprobieren der Kasse des Ladens.
Foto: hk

Viernheim (hk) – Der eine ist Viernheimer, fest verwurzelt. Der andere ist Syrer, geflohen. Gemeinsam bilden sie ein Team: Sie sind die Chefs des „Ladens mit Herz“. Und das nicht ohne Grund. Volker Gassenferth und Amir Alamir wissen nicht nur, was es bedeutet Chef zu sein. Sie sind auch beide begeistert von der Idee des sozialen Kaufhauses, das Geflüchtete und Viernheimer zusammen bringen soll – so wie es auch schon das Führungsduo zusammen gebracht hat.

Ein Restaurant, eine Bäckerei und eine Organisation von Englischlehrern – all das hat Amir Alamir schon einmal geleitet. „Ich habe Erfahrung im Teambuilding“, erklärt der 54-Jährige. Mitarbeiter koordinieren und Pläne erstellen, Talente erkennen und fördern, all das hat der gebürtige Syrer jahrzehntelang gemacht. Auch auf seiner Flucht aus Syrien rutschte er immer wieder in die Anführerrolle, weil er als Englischlehrer für andere dolmetschen konnte. Als Alamir im Dezember vergangenen Jahres gefragt wurde, ob er den „Laden mit Herz“ im Sozialzentrum ehrenamtlich leiten wolle, zögerte er deshalb nicht lange. „Ich dachte: Warum nicht?“, erzählt Amir und lacht. „Ich mache so etwas ja nicht zum ersten Mal.“ Doch dann schluckt er und fügt an: „Nur eben das erste Mal in Deutschland.“

Da ist er, der Haken, die Herausforderung, aber auch die große Chance für Alamir: die deutsche Sprache. Seit seiner Ankunft in Viernheim vor rund zwei Jahren hat der Syrer schon viel gelernt. Alltagsgespräche gehen ihm längst locker über die Lippen. Wenn er mal ein im Dialekt genuscheltes Wort nicht versteht, ist das nicht so schlimm. Aber als Chef eines Kaufhauses will er sich in wichtigen Gesprächen nicht aufs Raten verlassen. Der Anspruch des Syrers an sich selbst ist da ganz klar: Ab sofort müssen auch komplizierte Vokabeln wie „Lagerlogistik“ oder „Buchhaltung“ sitzen. Alamir blickt einen Moment lang mutlos drein, doch dann strafft er die Schultern: „Es ist eben eine doppelte Herausforderung für mich: Ich muss den Laden führen und dabei Deutsch lernen. Das wird schon klappen.“ Schließlich ist er nicht allein.

Auch Volker Gassenferth weiß Bescheid über Mitarbeiterführung und Zahlenspiele am Computer. 30 Jahre lang leitete er die Caritas Sozialstation in Viernheim. Vor einigen Monaten tauschte der 61-Jährige diese Arbeit gegen die des pädagogischen Leiters der beiden Häuser des Lebens. Im Führungsduo des „Ladens mit Herz“ sieht er sich selbst aber eher als Alamirs doppelten Boden: „Ich werde meine Arbeit mehr im Hintergrund verrichten“, erklärt er. Genau genommen tut er das schon seit drei Monaten. „Ich bin ein Pragmatiker, der zum Glück auch handwerklich zupacken kann“, sagt Gassenferth. So unterstützte der Chef in den vergangenen Wochen tatkräftig das Helferteam des Ladens bei der Renovierung des Raums im Sozialzentrum, beim Aufbau der Regale und dem Sortieren der gebrauchten Waren, die es dort bald zu kaufen geben wird.

Die Idee des „Ladens mit Herz“, dass Geflüchtete in ehrenamtlicher Arbeit gemeinsam mit Viernheimern gebrauchte Waren günstig verkaufen und dabei sowohl Deutsch als auch das deutsche Arbeitsleben kennenlernen, begeistert beide Chefs. „Das ist eine gute Sache“, betont Alamir. „Nicht nur, weil Leute in dem Laden günstig bekommen, was sie brauchen“, erklärt er. „Sondern auch, weil wir Geflüchteten uns alle wünschen, zu arbeiten und uns gut in Deutschland zu integrieren.“ Alamir ist überzeugt: „Dabei wird der Laden helfen.“ Gassenferth sieht das genauso. „Es geht darum, den Geflüchteten unsere deutsche Kultur und die Sprache näherzubringen“, sagt er. „Und natürlich auch, berufliche Ideen zu fördern.“

Fördern – das ist Alamirs Stichwort. „Als Chef muss man alle Mitarbeiter mit ihren Fähigkeiten kennen und unterstützen“, erzählt er voller Eifer und überlegt sich bereits Teambuilding-Konzepte, während sein Kollege Gassenferth gerade in eine ganz andere Richtung denkt: „Die Warenannahme und die Angebote müssen organisiert werden“, erklärt er nachdenklich und tastet nach dem Notizblock. Gut, dass diese große Aufgabe zwei Chefs hat.

Kurzinfo  Der „Laden mit Herz“

Das soziale Kaufhaus „Laden mit Herz – Weitergeben statt Wegwerfen“ eröffnet am 27. Januar um 11 Uhr im Sozialzentrum in der Industriestraße. Ab dann hat der Laden immer dienstags von 13.30 bis 16.30 Uhr und freitags von 11.30 bis 14.30 Uhr geöffnet.

Verkauft werden gut erhaltene gebrauchte Waren wie Haushaltsartikel, Spielsachen, Werkzeug oder Musikinstrumente zu günstigen Preisen.

Den Verkauf übernehmen Geflüchtete und Viernheimer gemeinsam in ehrenamtlicher Arbeit. Das Ziel ist, die Geflüchteten mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut zu machen und ihren Übergang in das Berufsleben zu fördern.

Gesucht werden noch Viernheimer, die die Geflüchteten als Mentoren bei ihrer Arbeit unterstützen. Wer Interesse hat, kann sich gerne bei Lena Geisel und Frauke Frahm melden, am besten per E-Mail an: ffrahm@sankt-himi.de oder lgeisel@sankt-himi.de.