Tarek Stucki im Gespräch mit Beate Meyer. Foto: jusos

Tarek Stucki im Gespräch mit Beate Meyer.
Foto: jusos

Beate Meyer leitet seit einigen Jahren den sozialen Kleiderladen im katholischen Sozialzentrum.  Foto: jusos

Beate Meyer leitet seit einigen Jahren den sozialen Kleiderladen im katholischen Sozialzentrum.
Foto: jusos

Viernheim (Tarek Stucki) – Nach einer längeren Pause meldet sich wieder das Format „Besondere Viernheimer“ der Viernheimer Jusos zurück. Hierbei stellen die jungen Sozialdemokraten Menschen vor, die hier leben und sich im besonderen Maße um unsere Stadt verdient gemacht haben. Ein solcher Mensch ist auch Beate Meyer. Sie ist ehemalige Stadtverordnete für die SPD-Fraktion, seit 25 Jahren Mitglied der AWO und leitet in diesem Rahmen auch seit einigen Jahren den sozialen Kleiderladen im katholischen Sozialzentrum. Tarek Stucki, Vorstandsmitglied der Jusos, führte ein lesenswertes Interview mit einer äußerst charmanten Viernheimerin.

Hallo! Schön, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Erzähl doch mal wer Du bist und seit wann Du in Viernheim lebst.

Beate Meyer: Mein Name ist Beate Meyer. Im Januar 1952 wurde ich in Viernheim geboren, bin also eine echte Vernemern.  Ich lebe seit Geburt in dieser Stadt und liebe sie. Viernheim ist meine Heimat.  Hier wohnt meine Familie, hier sind meine Freunde und meine Vereine. Ich bin verheiratet,  habe eine erwachsene Tochter und mittlerweile 3 Enkelsöhne. Wir leben in einem 3-Generationenhaus. Nach dem Besuch der Realschule hat es mich beruflich nach Mannheim verschlagen, wo ich 40 Jahre, erst beim Fernmeldeamt und später bei der Deutschen Telekom, gearbeitet habe. Die letzten 20 Berufsjahre war ich als betriebliche Sozialberaterin tätig.

Dann war also der Weg in die Politik nicht mehr weit, wie kamst Du dazu Dich als Stadtverordnete zu engagieren?

Beate Meyer: Aus einer Familie kommend, in der der Vater sich als junger Mann, bis ins hohe Alter, der Sozialdemokratie und der Kommunalpolitik verschrieben hatte, zeichnete sich auch für mich meine politische Richtung ab. Aktiv in der Gewerkschaftsjugend und später als Betriebsrätin, konnte ich schon früh Einfluss nehmen auf Gerechtigkeit und sozial menschlichen Umgang miteinander. So war es für mich auch selbstverständlich mich politisch als Stadtverordnete zu engagieren. Im Kultur- und Sportausschuss und in der Kommission für internationale Beziehungen war ich Mitglied.  Aus beruflichen Gründen, die eine Vollzeit Beschäftigung verlangten, konnte ich meine Tätigkeit  als Stadtverordnete nicht mehr fortsetzen.

Außer der SPD kam noch die AWO dazu. Wie kam es denn zu dieser Entscheidung?

Beate Meyer: Als Stadtverordnete bekommt  man ja viele Informationen rund um seine Stadt  – in so einem Zusammenhang habe ich auch die AWO kennen gelernt und mich für deren Aufgaben interessiert,  da sie ja auch eine sehr SPD-freundliche Organisation ist. Seit 27 Jahren bin ich Mitglied bei der Arbeiterwohlfahrt.

Dann kam irgendwann der wohlverdiente berufliche Ruhestand, Du hast Dich aber nicht wirklich zur Ruhe gesetzt oder?

Beate Meyer: Nach dem Eintritt in den „Un“-ruhestand, stand für mich fest, dass ich mich ehrenamtlich betätigen möchte. In Viernheim gibt es sehr viele Vereine und Organisationen die sich über helfende Hände freuen. Ich musste mich entscheiden zwischen dem Kinderschutzbund, dem Frauenhaus Bergstraße, dem Hospiz-Verein,  der AWO, oder bei den Naturfreunden.  Bei allen bin ich Mitglied geworden aber nur bei 2 habe ich mich ehrenamtlich einbinden lassen. Es sind diese die Naturfreunde und die AWO. Der Kleiderladen der Arbeiterwohlfahrt war gerade in das katholische Sozialzentrum umgezogen und brauchte Verstärkung. Mittlerweile sind wir 10 aktive Damen, die jeden Freitag von 11 -14 Uhr unsere kleine Boutique -wie wir sie liebevoll nennen- betreuen. Als Mitglied des Vorstands der AWO habe ich die organisatorische Leitung des Kleiderladens  übernommen. Es macht uns viel Freude, die gut erhaltene Kleidung einem neuen Besitzer zuzuführen. Somit ist für uns Nachhaltigkeit kein modernes Schlagwort, bei uns wird sie gelebt.

„Kleider von Menschen für Menschen“ – Wie genau ist das gemeint? Und vor allem: Welche Probleme entwickeln sich bei so einem System?

Beate Meyer: Für wenig Geld, können sich unsere Kundinnen und Kunden komplett neu einkleiden. Der Erlös unserer kleinen Einnahmen kommt den gemeinnützigen Aufgaben der Arbeiterwohlfahrt zugute. Wie funktioniert das Ganze? Das gesamte Waren-Angebot kommt von Leuten in Viernheim, die regelmäßig ihre Kleiderschränke ausräumen, um Platz für Neues zu schaffen. Alle Damen- und Herren-Kleidungsstücke, die zu eng oder zu weit wurden, alles was nicht mehr gefällt, oder nicht mehr der neuesten Mode entspricht, nimmt der AWO-Kleiderladen gerne an. Nachfrage besteht auch nach  Bettwäsche, Tischwäsche, gut erhaltenen Schuhen, Handtaschen und Schals. Alles was bei uns ankommt, sollte sich im Zustand absoluter Sauberkeit befinden. Leider ist dies nicht immer der Fall. Für die ehrenamtlich tätigen Damen ist es unzumutbar diese Ware zu sortieren und zum anderen wollen wir unseren Kunden diese Ware nicht anbieten. Um das hohe Niveau unseres Ladens halten zu können, bitten wir schmutzige und defekte Kleidung selbst in den aufgestellten Kleidercontainern zu entsorgen. Unsere eigene Orientierungshilfe ist die: Nur Kleidung abgeben, die man selbst noch tragen würde.

Das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie organisiert sich Dein Team?

Beate Meyer: Wir sind 3 Teams die sich wöchentlich abwechseln und jeden Freitag von 11 – 14 Uhr im Kleiderladen die Kundinnen und Kunden bedienen. Außerhalb dieser Zeit muss natürlich die eingegangene Ware angeschaut und aussortiert werden. Hier unterteilen wir in 3-Werte-Kategorien. Die allerbesten und originellsten Kleidungsstücke bleiben bei uns im Laden. Die Ware, die zwar noch gut, aber bei unseren Kunden nicht mehr nachgefragt wird,  geben wir in ein Hilfsprojekt in die Ukraine. Zu guter Letzt, alles was Mist ist, fliegt in die Container.
Aufgrund der beengten Räumlichkeit haben wir leider nicht die Möglichkeit unsere gesamte Ware entsprechend zu präsentieren, auch das Sortieren und das Lagern sind eher beschwerlich. Eventuell zeichnet sich für die Zukunft eine Lösung ab und wir können mit einer Vergrößerung unseres Ladens rechnen. Genaueres werden wir zu gegebener Zeit veröffentlichen.

Nun sprechen wir ja hier von einem Kleiderladen, das schon seit einigen Jahren hier in Viernheim etabliert ist. Wie sieht das denn mit der Kundschaft aus?

Beate Meyer: Durch unsere Lage im kath. Sozialzentrum sind unsere Kunden auch  überwiegend die Tafel-Kunden. Ein völlig internationales Publikum. Es kommen Vernemer, es kommen Viernheimer es kommen Zugereiste und es kommen Flüchtlinge. Zwischen 25 und 30 Personen sind wöchentlich bei uns im Laden. Mit vielen Stammkunden hat sich ein kleines freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Wir freuen uns aufeinander. Die meisten sind dankbar für unsere Arbeit, in die wir sehr viel Herzblut reinstecken. Glücklich sind wir darüber, wenn wir sehen, wie ein Kunde oder eine Kundin den Laden mit glänzenden Augen verlässt, in der Gewissheit heute wieder ein Schnäppchen gemacht zu haben. Genau deshalb finden wir, dass unser Kleiderladen etwas Besonderes ist und hoffentlich noch lange bestehen wird.

Hast Du das Gefühl, dass es heute ungerechter in Deutschland zugeht, als vor 20 Jahren?

Beate Meyer: Das ist jetzt ein kleiner Gedankensprung. Die Werte haben sich verändert. Wir leben immer noch in einem reichen Land und trotzdem gibt es Armut, die sehr leicht als ungerecht empfunden wird.  Solange es  Einrichtungen wie die Tafeln, Kleiderläden, oder soziale Kaufhäuser geben muss. läuft in unserem Land etwas schief. Wir brauchen dringend eine höhere Besteuerung der Wohlhabenden um die auseinanderklaffende Lücke zwischen arm und reich nicht noch zu vergrößern.

Was bedeutet für Dich Glück?

Beate Meyer: Für mich bedeutet Glück in einem freien, demokratischen Land zu leben, frei meine Meinung äußern zu dürfen und durch gerechte Wahlen Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Ganz egoistisch bedeutet für mich Glück aber auch, Gesundheit, Zufriedenheit und Liebe in meiner Familie.

Was sind Deine Wünsche und Ziele?

Beate Meyer: Soziale Gerechtigkeit, gelebte Demokratie, Wahrung der Menschenrechte, Rassismus, mit allen Mitteln bekämpfen und wenn es nicht zu utopisch wäre, würde ich mir Weltfrieden wünschen!”

Danke für das Interview!